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Arbeit und Familie im Einklang

FRAGE: Wir sind beide zu 100 Prozent arbeitstätig und denken über ein für uns passendes Familienmodell nach. Wir stecken jedoch in der Diskussion fest, wie wir uns in Zukunft als Familie definieren und unsere Karrieren ausrichten möchten. Ist Gleichstellung im Beruf und ein „normales“ Familienleben überhaupt möglich?

ANTWORT: Die traditionelle Familie mit der Mutter, die auf die Kinder aufpasst und dem Vater, der das Geld nach Hause bringt, wird heutzutage immer seltener. An ihre Stelle treten oft Familienmodelle, in denen beide Elternteile berufstätig sind oder Familien mit nur einem alleinerziehenden Elternteil. Laut dem Schweizer Bundesamt für Statistik sind heute über 90 Prozent der Männer und etwa 60 Prozent der Frauen berufstätig. Die Menschen sind heute zudem durchschnittlich gebildeter, heiraten später, bekommen später und weniger Kinder und leben länger als noch vor wenigen Jahrzehnten.

Wir leben in einer Zeit mit grosser persönlicher Freiheit und Flexibilität, was natürlich viele Vorteile hat. Es wird aber oft vergessen, dass eine ausgeprägte Entscheidungsfreiheit auch Stress bedeuten kann. Die heutige Durchschnittsfamilie muss sich zuerst einmal selbst definieren. Nicht nur der Mann möchte Karriere machen, sondern auch die Frau. Vielleicht auch nur die Frau.

LANGSAME ANPASSUNG. Die Praxis hinkt noch hinter der Emanzipation, Work-LifeBalance und der Problematik alleinerziehender Eltern her. Beispielsweise verdienen Frauen häufig immer noch weniger Geld für dieselbe Arbeit als Männer. Zusätzlich verlangen Arbeitgeber immer mehr Flexibilität von ihren Angestellten. Umgekehrt sollten deshalb Arbeitsbedingungen individuell an die unterschiedlichen Bedürfnisse von Familien anpassungsfähig sein. Diese Anpassung geht hingegen, verglichen mit der sonstigen Schnelllebigkeit unserer Zeit, nur langsam vonstatten. Aktuelle Lösungsansätze sind vermehrte Teilzeitarbeit und Job-Sharing, bei dem sich Arbeitnehmer einen Arbeitsplatz teilen und so ihre Arbeitszeit individuell einteilen können.

Die Gleichstellung der Geschlechter in Arbeit und Familie sollte eine Chance für beide Seiten sein. Nicht nur der Frau wird mehr Platz im Berufsleben eingeräumt, auch der Mann soll die Möglichkeit bekommen, sein Familienleben zu bereichern. So gibt es etwa in Deutschland nicht mehr den Mutterschafts-, sondern drei Jahre Elternurlaub. In einigen Ländern wie Norwegen, Schweden oder Island ist es für Väter sogar Pflicht, einen Teil der Elternzeit selbst für sich zu beanspruchen. In der Schweiz gibt es derartige Regelungen bisher noch nicht.

PRAKTISCHER NUTZEN. Hinter diesen Innovationen steht nicht nur fortschrittliches Denken, sondern auch praktischer Nutzen. Einerseits wird immer mehr eingesehen, dass eine gesunde Balance zwischen Arbeit und Freizeit, unabhängig vom Geschlecht, essenziell für ein gutes Stress-Management ist. Auf der anderen Seite haben psychologische Studien gezeigt, dass es auch für Kinder gesundheitsfördernd ist, Zeit mit ihrem Vater zu verbringen.

Ob Frauen und Männer künftig ausgeglichene Rollenverteilungen in Beruf und Familie erreichen werden, können wir heute noch nicht wissen. Aus psychologischer Sicht ist nicht die Frauenquote im Managersektor oder die Beteiligung von Männern im Haushalt entscheidend. Vielmehr sollte jedem Menschen, unabhängig von Herkunft und Geschlecht, die Möglichkeit offenstehen, sich für die eine oder andere Richtung oder eine Kombination davon zu entscheiden. Dazu sollte der Arbeitsplatz die nötigen Hilfestellungen und Infrastruktur gewährleisten.

Michael F. Gschwind, Psychologe FSP, unterstützt als Laufbahnberater und Coach SSCP Personen in beruflichen Veränderungsprozessen. > www.mfgschwind.ch