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Entschleunigung

Entschleunigung

FRAGE: «Ich habe immer mehr das Gefühl, nicht mehr Herr über meine Zeit zu sein. Anderen scheint es gleich zu gehen. Wir hetzen der Arbeit hinterher und ein Einholen scheint un-möglich. Sie nimmt einfach nicht mehr ab. Wir sind definitiv Sklaven der Arbeit geworden. Kann das gut gehen?»

ANTWORT: Das Leben ist geprägt durch einen steten Wechsel zwischen Aktivität und Passivität, Leistung und Erholung, Energieaufwendung und Energiegewinnung. Dieser Rhythmus findet sich bei allen Lebewesen und macht Sinn. Gekoppelt an eine äussere (Tagund Nachtphasen) und innere Uhr (circadianer Rhythmus) verlief lange Zeit auch unser Leben. Die Arbeit wurde bei Sonnenaufgang begonnen und bei Sonnenuntergang beendet. Mit der Erfindung der Elektrizität und der Glühbirne wurde es uns möglich, die Nacht zum Tag zu machen und den Produktionskreislauf 24 Stunden aufrecht zu erhalten. Mit der Entwicklung von Telegraf, Telefon, Faxgerät und Mobiltelefon, aber vor allem des Internets, sind wir immer und überall erreichbar. Die Entkoppelung vom Tag-Nachtrhythmus und von der Ortsgebundenheit bringt uns enorme wirtschaftliche Vorteile. Projekte können immer und von jedem Ort aus koordiniert und abgewickelt werden. Alles geht schneller, wir sparen Zeit und Geld. Die Kehrseite der Medaille kennen wir jedoch alle nur zu gut. Die Arbeit nimmt kein Ende. Die E-Mail-Income Box überquillt, abends wälzen wir Ordner im Bett, zu Unzeiten ruft der Chef an. Wir stehen 24 Stunden sieben Tage die Woche unter Strom. Sie fragen zurecht: Kann das gut gehen?

TEMPO. Der britische Psychologe Richard Wiseman von der University of Hertfordshire befasst sich unter anderem mit dem beschleunigten Leben in den Industriestaaten und stellt dieses in einen Zusammenhang mit der Zunahme von stressbedingten Erkrankungen. In seiner 2006 veröffentlichten Studie* verglich er das Tempo von Fussgängern in den Metropolen von 32 Ländern mit Werten, die amerikanische Forscher schon 1994 ermittelt haben. Die Ergebnisse zeigen, dass Fussgänger heute durchschnittlich 10 Prozent schneller unterwegs sind als noch vor einer Dekade. Die schnellsten Fussgänger leben in Singapur. Diese brauchen 10.55 Sekunden für eine Strecke von 18,29 Metern (60 Fuss). Die Berner liegen mit 17.37 Sekunden für die gleiche Strecke abgeschlagen auf Platz 30. In Zürich, der schnellsten Stadt der Schweiz, wurde interessanterweise keine Messung durchgeführt.

Die Geschwindigkeitszunahme wird laut Wiseman immer mehr Menschen betreffen. Dies weil wir jederzeit und überall produktiv und aktiv sein müssen. Das Fussgängertempo sei deshalb ein verlässlicher Indikator für die Lebensgeschwindigkeit und diese ist heute bedeutend höher ist als im Jahr 1994. Es ist folglich wissenschaftlich nachweisbar, was wir selbst jeden Tag erleben. Wir nehmen uns immer weniger Zeit, haben dafür aber immer mehr Stress. Kein Wunder haben Burnout-Erkrankungen und Bücher über Zeitmanagement Hochkonjunktur.

WAS TUN? Eigentlich gar nicht viel. Es reicht, wenn wir selbst dafür sorgen, dass unser Leben im Gleichgewicht von Spannung und Entspannung bleibt. Hierzu gibt es eine Vielzahl von Kursen, Rezepten und Büchern. Viel bedeutender als Rezepte ist jedoch die Einsicht, dass wir selbst für unser Handeln verantwortlich sind und dieses darum auch selbst verändern können. Verhaltensmuster zu durchbrechen und neue einzuüben kostet jedoch Zeit und Energie. Aber es lohnt sich, sich einen Spiegel vorzuhalten, um die eigenen Verhaltensmuster zu erkennen. Wer zwingt uns denn bis um 20 Uhr im Büro zu bleiben, das Outlook immer offen und das Geschäftshandy am Wochenende eingeschaltet zu lassen, die Arbeit mit nach Hause zu nehmen oder die ganze Nacht über die Arbeit nachzudenken. Zu 95 Prozent sind wir es selbst. Denken Sie in den Ferien in Ruhe darüber nach.
*In: R. Wiseman. Quirkology: How We Discover the Big Truths in Small Things (2007)

Michael F. Gschwind, Psychologe FSP, unterstützt als Laufbahnberater und Coach Personen in beruflichen Veränderungsprozessen und Unternehmen im Bereich Arbeitszufriedenheit. > www.mfgschwind.ch