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Keine Angst vor Vorträgen

FRAGE: «Ich hasse es, bei der Arbeit Vorträge halten zu müssen. Das ist aber in meinem Beruf unerlässlich. Ich versuche, mich so gut es geht davor zu drücken, befürchte aber, dass dies bei meinem Vorgesetzten negativ auffallen könnte. Auf der anderen Seite bin ich während Vorträgen so nervös, dass auch das negativ auffallen könnte. Was kann ich tun, um meine Vortragsfähigkeiten zu verbessern?»

ANTWORT: «Allein der Vortrag macht des Redners Glück», schwärmt Wagner, eine Figur in Goethes «Faust». Wahrscheinlich würden viele Menschen jedoch gerne auf dieses Glück verzichten, wenn es darum geht, vor Kunden oder Vorgesetzten einen Vortrag zu halten. Vielleicht erkennen Sie sich in der folgenden Geschichte wieder: Sie vermeiden es wann immer möglich, Vorträge zu halten; wenn Sie es dann dennoch tun müssen, sind Sie vor und während der Präsentation sehr angespannt, brechen in Schweiss aus und wünschen sich nichts sehnlicher, als dass sie vorbei wäre. Und das obwohl Sie Ihren Vortrag sorgfältig vorbereitet haben. Im Nachhinein sind Sie mit dem gehaltenen Vortrag nicht zufrieden, weil Sie ihn Ihrer Meinung nach nicht selbstbewusst genug gehalten haben. Laut der berühmten 7- 38-55- Regel von Albert Mehrabian, Professor für Psychologie an der Universität von Kalifornien, macht der Inhalt für den Zuhörer nur sieben Prozent der empfangenen Mitteilung aus; der ganze Rest ist 38 Prozent Stimme und 55 Prozent Körpersprache. Selbstbewusstes Auftreten spielt demnach für die Wirksamkeit und den Erfolg Ihres Vortrags tatsächlich eine wichtige Rolle. Wie also überwinden Sie Ihre Angst vor Vorträgen, damit Sie in Zukunft selbstbewusster und wirkungsvoller auftreten können?

KONFRONTATION. Vielleicht hilft Ihnen ein kleiner Einblick in die Therapie von Ängsten weiter: Übermässige Ängste, auch Phobien genannt, werden in der psychologischen Verhaltenstherapie oft mit sogenannten Konfrontationsbehandlungen angegangen. Die Idee ist, dass sich Angst durch das Vermeiden der gefürchteten Situation nur verschlimmert, jedoch abnimmt, wenn man sich damit befasst. Die Therapie beinhaltet also die Gegen- überstellung der Person mit der gefürchteten Situation. Eine Form dieser Therapie ist ein graduelles Verfahren, wobei sich die Person langsam an die gefürchtete Situation gewöhnen soll. In therapeutischen Sitzungen werden schwere Phobien in enger Zusammenarbeit zwischen Therapeut und Patient sorgfältig mit dieser Methode behandelt. Für Ihre im Vergleich leichte Vortragsangst können Sie jedoch getrost eine kleine Konfrontationstherapie selber für sich ausprobieren.

SCHRITTWEISE. Im ersten Schritt machen Sie sich eine Liste von Vortragssituationen, die Ihnen kaum bis stark Angst machen. Die erste Situation auf der Liste könnte das Halten eines fünfminütigen Vortrags vor drei guten Freunden zu Ihren letzten Ferien sein. Nun halten Sie diesen Vortrag. Wiederholen Sie ihn so oft, bis Ihre Nervosität nachlässt. Dann gehen Sie zur nächsten Situation über, die etwas schwieriger sein sollte – zum Beispiel ein viertelstündiger Vortrag vor Kollegen, zu einem Ihnen bisher unbekannten Thema. Arbeiten Sie sich durch Ihre Liste durch, aber nehmen Sie die nächste Situation erst in Angriff, wenn Ihre Angst vor der vorherigen Situation nachgelassen hat. Schrittweise können Sie sich immer schwierigeren Aufgaben stellen. Wichtig ist, dass Sie sich Ihrer Angst stellen und das Vortragen immer wieder üben, und ganz wichtig – dass Sie sich bei jedem gehaltenen Vortrag auf die Schultern klopfen und zu sich sagen, «das ging ja ganz gut, weiter so».

Michael F. Gschwind, Psychologe FSP, unterstützt als Laufbahnberater und Coach SSCP Personen in beruflichen Veränderungsprozessen.> www.mfgschwind.ch *

Die Beantwortung der Frage fand in Zusammenarbeit mit Sharon Steinemann, Fakultät für Psychologie Basel, statt.