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Mit 50 schon zum alten Eisen?

FRAGE: Als Personalleiter eines mittleren Unternehmens bekomme ich immer wieder Bewerbungen von Stellensuchenden, die 50 Jahre und älter sind. Ich möchte diesen gerne eine Chance geben. Deshalb will ich in Erfahrung bringen, in welchen Bereichen ich mit Veränderungen der Leistungsfähigkeit von älteren Erwerbstätigen rechnen muss.

ANTWORT: Ältere Mitarbeitende sind für ein Unternehmen ein Gewinn, wenn sie ihren Kompetenzen entsprechend eingesetzt werden. Dass ältere Menschen über das Pensionsalter hinaus berufliche Höchstleistungen erbringen wollen und können, zeigen Beispiele wie Heliane Canepa (Jahrgang 1948), eine der erfolgreichsten Geschäftsfrauen in Europa, Moritz Suter, der mit 68 die BaZ gekauft hat oder Nicolas Hayek, der bis 82 beruflich aktiv war.

Untersuchungen zeigen, je höher der Bildungsstand von Erwerbstätigen ist, desto höher ist die Chance, den Zeitpunkt des Pensionsalters selbst bestimmen zu können. Dies spricht dafür, dass ältere Erwerbstätige vermehrt in ihre Weiterbildung investieren sollten. So wird das vorzeitige Ausscheiden aus dem Arbeitsleben verhindert und der Wiedereinstieg, im Falle eines Stellenverlustes, beschleunigt. Tatsache ist aber, dass die Häufigkeit von Weiterbildungen mit dem Alter sinkt.

Mit zunehmendem Alter finden geistige und körperliche Veränderungsprozesse statt. Da wir in einer wissensorientierten Arbeitswelt leben, spielen sogenannte kognitive Prozesse eine immer wichtigere Rolle. Unter Kognitionen werden Funktionen bezeichnet, die mit Wahrnehmung, Lernen, Erinnern, Erkennen und Denken, also der menschlichen Erkenntnis- und Informationsverarbeitung in Zusammenhang stehen.

ANDERE STÄRKEN. Studien zeigen, dass bis ins Alter von 70 Jahren die kristalline Intelligenz zunimmt. Das ist die Repräsentation von Information, zum Beispiel Faktenwissen, Erfahrung und Sprache. Was aber schon ab dem 30. Lebensjahr abnimmt, ist die fluide Intelligenz. Hier geht es um die «Kontrolle» von Information, zum Beispiel um den schnellen und flexiblen Umgang mit Gedächtnisinhalten. Das bedeutet, dass die dahinterstehenden Kognitions- und Handlungsprozesse langsamer werden. Da Ältere ihre motorischen Zentren im Gehirn stärker aktivieren müssen, reagieren sie langsamer auf Reize als Jüngere.

Mit dem Alter nehmen zu: Lebens- und Berufserfahrung, betriebsspezifisches Wissen, Handlungs- und Erfahrungswissen, Urteilsfähigkeit, Zuverlässigkeit, Besonnenheit, Qualitätsbewusstsein, Kommunikationsfähigkeit, Kooperationsfähigkeit, Konfliktfähigkeit, Pflicht- und Verantwortungsbewusstsein, positive Arbeitseinstellung, Ausgeglichenheit, Beständigkeit und Präzision. Eine Abnahme ist feststellbar in den Bereichen: Sinnesleistungen, körperliche Leistung, geistige Beweglichkeit, Geschwindigkeit der Informationsaufnahme und - verarbeitung, Kurzzeitgedächtnis, Risikobereitschaft, Aufstiegsorientierung, Lern- und Weiterbildungsbereitschaft, Veränderungsbereitschaft. In vielen anderen Bereichen bleiben die Leistungen gleich. Hierzu ist anzumerken, dass es grosse individuelle Unterschiede gibt.

Fazit: Ältere Arbeitnehmer haben Stärken in sozialen und wissensbasierten Kompetenzen, aber mitunter Schwächen in fluiden oder Kontrollfunktionen. Diese werden im Arbeitsalltag oft kompensiert, was jedoch mit erhöhter Anstrengung verbunden sein kann. Der Grad kognitiver Beeinträchtigungen hängt stark von individuellen und arbeitsbedingten Faktoren ab. Durch Veränderungen des Arbeitsplatzes und individuelle Trainingsmassnahmen kann die kognitive Kompetenz älterer Beschäftigter erhalten und erhöht werden.

Michael F. Gschwind, Psychologe FSP, unterstützt als Laufbahnberater und Coach SSCP Personen in beruflichen Veränderungsprozessen. > www.mfgschwind.ch