mfgschwind human consulting

Steigerung der Merkfähigkeit

FRAGE: Manches kann ich mir gut merken, anderes vergesse ich sofort. Warum merken wir uns so oft die falschen Sachen? Unwichtige Dinge wie zum Beispiel Liedtexte bleiben mir detailgetreu im Gedächtnis hängen, während ich mühsam erlernte Fakten vergesse. Weshalb ist das so?

ANTWORT: Das Gedächtnis ist von evolutionärer Bedeutung, da es uns ermöglicht, uns an überlebenswichtige Dinge zu erinnern und aus Fehlern zu lernen. Natürlich kann sich kein Mensch alles merken, was passiert. Überlegen Sie kurz – können Sie mir sagen, was Sie am 18. März 2003 taten? Was für Kleider Sie trugen? Nein, mit ziemlich grosser Wahrscheinlichkeit nicht. Und das ist gut so, denn das Gehirn hat eine begrenzte Kapazität und speichert nur Informationen, die es aus irgendeinem Grund als wichtig erachtet. Wir brauchen dieses Haushalten in unserem Kopf. Menschen, denen diese Fähigkeit, unwichtige Dinge auszublenden oder zu vergessen, fehlt, haben im Alltag grosse Probleme, was sich beispielhaft bei Autisten zeigt. Wie aber weiss das Gehirn, welche Ereignisse und Fakten aus all der Vielfalt von Eindrücken, die wir Tag für Tag in uns aufnehmen, tatsächlich erinnerungswürdig sind?

Zunächst einmal merken wir uns Dinge besonders gut, die uns emotional berühren. So sind erste Kindheitserinnerungen zum Beispiel oft Momente von emotionaler Intensität. Die Erklärung: Neuroanatomisch gesehen liegen die Zentren für das Abspeichern von Information direkt neben den Zentren der Emotionsgenerierung. Gedächtnis und Emotion stehen also in engem Austausch, Gefühle steigern unsere Aufnahme- und Merkfähigkeit. Das wiederum geschieht, weil Situationen, in denen man erregt ist, evolutionspsychologisch gesehen oft relevant für das Überleben sind. Lebensbedrohliche oder schmerzliche Erlebnisse bleiben wortwörtlich im Gedächtnis eingebrannt.

COKTAILPARTY-PHÄNOMEN. Menschen richten ihre Aufmerksamkeit mit Vorliebe auf Informationen über sie selbst, was in verschiedensten Experimenten gezeigt wurde. Es soll hier das bekannte Cocktailparty-Phänomen erwähnt werden: Wenn wir in ein Gespräch vertieft sind, hören wir aus anderen Gesprächen in unserer Umgebung unseren Namen mit grosser Wahrscheinlichkeit heraus, auch wenn wir diesen Gesprächen nicht aktiv folgen. Wir wollen alles über uns selbst erfahren und haben daher auch ein besonders gutes Gedächtnis für diese Art von Information. Natürlich hat dies gute Gründe, die sich vor allem aus dem sozialen Zusammenleben ergeben. Im Leben und in der Arbeitswelt im Besonderen ist es wichtig, Sympathie und Respekt von Mitmenschen zu gewinnen, um deren Kooperation zu sichern. In dem Fall müssen wir eine Art Bewusstsein dafür entwickeln, wie wir auf andere wirken. So wird erklärbar, weshalb uns alles, was in Bezug zu uns selbst steht, so brennend interessiert.

HUMOR. Man kann beispielsweise beim Erlernen von abstrakten Fakten gedankliche Verbindungen zu persönlichen Erlebnissen herstellen oder lebhafte Beispiele und Situationen mit dem theoretischen Wissen verknüpfen. Ihrer Fantasie sind dabei keine Grenzen gesetzt. Lächerliches ist sogar förderlich - nicht umsonst wird Humor so häufig in der Werbung eingesetzt. Einerseits lässt sich Amüsantes leichter merken, denn auch Lachen ist eine emotionale Reaktion. Andererseits geht es schlicht darum, Informationen nicht nur passiv aufzunehmen, sondern zu elaborieren. Das heisst, sie gedanklich in ein System einzuordnen und sich intensiv damit auseinanderzusetzen. Je mehr wir dies tun, umso grösser ist hinterher die Chance, dass wir uns daran erinnern.

Michael F. Gschwind, Psychologe FSP, unterstützt als Laufbahnberater und Coach SSCP Personen in beruflichen Veränderungsprozessen. > www.mfgschwind.ch

* Die Beantwortung der Frage fand in Zusammenarbeit mit Vivian Frick, Fakultät für Psychologie Basel, statt.