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Tinnitus – was nun?

FRAGE: «Ich bin Geschäftsmann, erfolgreich in meinem Beruf, und nehme die Dinge für gewöhnlich selbst in die Hand. Trotzdem quält mich seit längerer Zeit ein Problem, das ich partout nicht selbst in den Griff bekomme. Seit zwei Jahren schlage ich mich mit einem Pfeifen im Ohr herum. Ein Hals-Nasen-Ohrenarzt stellte die Diagnose: Tinnitus. Geheilt werden könne der nicht. «Damit müssen Sie jetzt leben», sagte der Arzt. Seither komme ich eher schlecht als recht mit diesem nervtötenden, unablässig präsenten Geräusch zurecht. Ist den Tinnitus zu ignorieren alles, was ich tun kann?»

ANTWORT: Mit dem Problem stehen Sie nicht allein da – laut Statistiken der European Federation of Tinnitus Associations haben in Europa etwa 25 Millionen Menschen Tinnitus. Davon berichten etwa 10 Prozent von einem Leidensdruck und bezeichnen ihr Ohrgeräusch als belastend. Um aber Ihre grösste Sorge schon einmal vorweg zu nehmen – nein, Ignorieren ist nicht das Einzige, was Sie tun können. Es gibt psychotherapeutische Ansätze für Tinnitus mit beträchtlichen Erfolgsaussichten. Oft ist jedoch die Hemmschwelle, sich professionelle Hilfe zu holen, sehr hoch bei den Betroffenen, was bezüglich der guten Heilungsprognosen bedauerlich ist.

Zunächst soll Klarheit geschaffen werden, was sich hinter dem Begriff Tinnitus verbirgt. Das anhaltende Pfeifen, Summen oder Pochen im Ohr wird als Symptom bezeichnet, nicht als eigentliche Krankheit. Direkte Ursachen sind aus medizinischer Sicht unbekannt, erwiesen ist aber, dass er oft in Verbindung mit Hörstürzen, Knalltraumata, Viruserkrankungen oder mit plötzlicher oder langandauernder Lärmbelästigung auftritt. Ausserdem hängen Vorkommen und Intensität stark mit Stress zusammen. Das bedeutet, je mehr negativen Stress Sie erleben, desto stärker nehmen Sie das Ohrgeräusch wahr. Leider stimmt auch die Aussage des Arztes, dass der Tinnitus an sich in vielen Fällen tatsächlich bis zum heutigen Zeitpunkt nicht heilbar ist. Das heisst, es kann keine organische Ursache für das Geräusch gefunden werden und es bleibt.

THERAPIE. Was kann dann aber eine Psychotherapie bewirken? Dies wird hier anhand der Tinnitus-Retraining-Therapie kurz erläutert. Kommen wir zunächst auf die Aussage zurück, der Tinnitus werde besser, wenn Sie «nicht daran denken». Das ist richtig, der Haken an der Sache ist nur, dass es dem Menschen im Allgemeinen sehr schwer fällt, absichtlich an etwas NICHT zu denken. Versuchen Sie, zwei Minuten lang nicht an einen Eisbären zu denken – und zählen Sie dabei, wie oft Sie trotzdem daran denken. Das Problem mit dem «nicht daran denken» ist, dass es den Fokus auf die «verbotenen» Gedanken richtet und diese dann paradoxerweise noch verstärkt werden. Anstatt also nicht an den Tinnitus zu denken, ist es sinnvoll, stattdessen an etwas anderes zu denken. So ist ein wichtiges Teilziel der Therapie, dass der Tinnitus nicht länger im Zentrum der Aufmerksamkeit steht oder gar das Leben der Betroffenen beherrscht.

Ein anderer wichtiger Therapiepunkt ist die Einsicht, dass das Geräusch selbst organisch und neurologisch ungefährlich ist. So können Ängste, die das Leiden weiter verstärken, beseitigt werden. Zentral ist auch die Akzeptanz des Geräusches als ständigen Begleiter, was das allgemeine Anspannungsniveau anhaltend senkt. Somit können die Ohrgeräusche vermindert und oft sogar komplett ausgeblendet werden. Was auf den ersten Blick vielleicht trivial aussieht, ist tatsächlich ein durchdachtes Prinzip, das 70 bis 80 Prozent der Behandelten von ihrem Leidensdruck befreien konnte. Wenn Sie neugierig geworden sind, informieren Sie sich doch weiter, beispielsweise bei der Schweizerischen Tinnitus-Liga: www.tinnitus-liga.ch.

*Die Beantwortung der Frage fand in Zusammenarbeit mit Vivian Frick, Fakultät für Psychologie Basel, statt.

Michael F. Gschwind, Psychologe FSP, unterstützt als Laufbahnberater und Coach Personen in beruflichen Veränderungsprozessen und Unternehmen im Bereich Arbeitszufriedenheit. > www.mfgschwind.ch